Wir._Hier._Magazin_2024-Q2

Internationale Fachkräfte Warum Unternehmen wie profine zunehmend auf Menschen aus dem Ausland setzen. Globale Märkte Was wird aus dem Chemiestandort Deutschland? REGI ONAL VERWURZELT, GLOBAL ERFOLGREI CH Wir und die Welt Kulturelle Vielfalt So gelingt eine echte Willkommenskultur. z w e i 2 0 2 4 Q 2 Die Chemieunternehmen in Rheinland-Pfalz ISSN: 2567-2371

Der ganze Text ab Seite 6 „Ich wollte sehr gern nach Deutschland oder Großbritannien kommen, um mich beruflich weiterzuentwickeln und andere Kulturen kennenzulernen“ M U S H A R R A F K H A N , A R B E I T E T E E R S T I N I N D I E N F Ü R P R O F I N E , N U N I N P I R M A S E N S 2 W I R U N D D I E W E L T Titelfoto: Nathan Christepher Palmer/peopleimages.com – stock.adobe.com Foto: Frank Eppler

Foto: privat Global vernetzt: Für RheinlandPfalz sind internationale Verbindungen unverzichtbar. E L K E B I E B E R ist Wir.Hier-Redakteurin. Sie hat sich für diese Ausgabe angeschaut, wie innovativ rhein- land-pfälzische Unternehmen und ihre Beschäftigten sind. E D I T O R I A L Rheinland-Pfalz und die Welt – das passt! Schließlich teilt das Bundesland seine Grenzen mit Frankreich, Luxemburg und Belgien. Mehr noch: Der Rhein, Europas wichtigste Wasserstraße, verbindet die Region mit den Übersee-Märkten. Kein Wunder, dass die Unternehmen im bundesdeutschen Vergleich besonders auslandsaktiv sind. Die Region glänzt mit Hidden Champions – erfolgreichen, aber wenig bekannten Performern aus dem Mittelstand. Dazu zählen etwa die Chemische Fabrik Budenheim und der Verpackungsspezialist Heuft aus Burgbrohl. Sie haben Lösungen entwickelt, die weltweit gefragt sind. Verwurzelt daheim und international geschätzt: Viele Mittelständler aus Rheinland-Pfalz zeigen, wie das geht (siehe Seite 12). Ganz und gar nicht „hidden“ sind große Akteure wie Biontech und AbbVie. Sie investierten jüngst in ihre Forschung, Biontech über sein neues Institut TRON in Mainz, AbbVie an seinem Traditionsstandort in Ludwigshafen. Global agieren und inländisches Know-how stärken, auch das ist kein Widerspruch. Doch vor allem die energieintensiven Unternehmen kämpfen mit schwierigen Bedingungen. Dies hat Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit. Welche Faktoren die Entwicklung hemmen und was sich dagegen tun lässt, lesen Sie ab Seite 20. Kreativität ist gewiss einer der Pluspunkte, mit denen Menschen und Unternehmen in Rheinland-Pfalz glänzen. Dazu gehören die nützlichen Erfindungen, die allerorts ein Renner wurden (ab Seite 10). Und ebenso der Einsatz des Kunststoffherstellers profine, um Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. In profines Konzept stecken viel Hirn und Herz – lesen Sie selbst, wie es aufgeht (ab Seite 6). Viel Spaß dabei! Liebe Leserinnen und Leser, 3 z w e i 2 0 2 4 E D I T O R I A L Foto: piai – stock.adobe.com

Inhalt Die LTS Lohmann Therapie-Systeme AG aus Andernach versorgt dieWelt mit Wirkstoffpflastern und Co. Nun arbeitet sie an einer kleinen Revolution 16 Deutschland kämpft gegen den Abstieg Gesichter der Chemie Erst Indien, jetzt Pirmasens: Musharraf Khan arbeitet für profine. Erfindungen aus der Region Zollstock bis Zahnpasta: Berühmte Exportschlager stammen aus Rheinland-Pfalz. Fokus global erfolgreich Einige Chemieunternehmen sind wenig bekannt, aber international führend. Fortschritt vom Rhein Die LTS Lohmann Therapie-Systeme AG treibt weltweit sanfte Medizin voran. Globale Märkte Wichtige Chemieanlagen stehen in Deutschland vor dem Aus. Was wird aus dem Standort? 06 10 12 16 20 V O R O R T Wofür brauchenwir Natrium? 2 4 U N S E R T H E M A W I R U N D D I E W E L T 20 4 W I R U N D D I E W E L T Foto: LAYER-LAB – stock.adobe.com Foto: Paola – stock.adobe.com

Illustration: Dariia – stock.adobe.com 06 Das Element Natrium: Es ist an vielen Stellen unverzichtbar. Arbeitswelt Was Unternehmen tun, damit ausländische Fachkräfte kommen und bleiben. 10 Fragen an ... Michael Francis, Chefdirigent der Deutschen Staatsphilharmonie RLP. Quiz Nehmen Sie an unserem Gewinnspiel teil. 24 26 30 31 P O R T R Ä T I NTE RNATI ONAL E FACHKRÄF TE Kulturelle Vielfalt im Alltag: So geht's 10 Fragen anMichael Francis 3 0 Wie ist es, von Indien in die Pfalz zu ziehen? Musharraf Khan erzählt 2 6 z w e i 2 0 2 4 5 I N H A L T Foto: LTS Lohmann Foto: Felix Broede Foto: Frank Eppler

Ein Frühaufsteher: Um 7 Uhr morgens beginnt Musharraf Khan seine Arbeit in der Werkzeughalle. W I R U N D D I E W E L T 6

Von Delhi nach Pirmasens T E X T C H R I S T I N E H A A S F O T O S F R A N K E P P L E R Sieben Jahre arbeitet Musharraf Khan in Indien für den Kunststoffersteller profine. Dann fragt sein Arbeitgeber ihn, ob er ins Stammwerk in die Pfalz wechseln will – und Khan zieht um. Wie ist das Leben fernab der Heimat? Diesmal im Fokus: Musharraf Khan in Pirmasens z w e i 2 0 2 4 7 G E S I C H T E R D E R C H E M I E

Foto: profine Musharraf Khan muss nicht lange überlegen, was ihm an Deutschland besonders gefällt. „Das Gesundheitssystem, der öffentliche Nahverkehr, die Work-­ Life-Balance“, zählt er auf. „Ich genieße es, nach der Arbeit viel Zeit für Freunde und Familie zu haben.“ Seit gut einem Jahr lebt und arbeitet der 32-Jährige in Deutschland. Als eine der ersten indischen Fachkräfte des Kunststoffherstellers profine kam er von Delhi nach Pirmasens, um das Unternehmen im Werkzeugbau zu unterstützen. Inzwischen sind neun weitere indische Kollegen in die Pfalz gezogen. Acht Monate Vorbereitung Schon in Indien arbeitete Khan für profine. In dem Land produziert und vertreibt das Unternehmen vor allem Kunststoffprofile für Fenster und Türen und Sichtschutz-Systeme der Marke Kömmerling. „Ich wollte sehr gern nach Deutschland oder Großbritannien kommen, um mich beruflich weiterzuentwickeln und andere Kulturen kennenzulernen“, sagt Khan. Als intern Personen gesucht wurden, die ins Ausland wechseln wollten, bewarb er sich – und wurde für den Standort Pirmasens ausgewählt. Die Vorbereitung dauerte rund acht Monate. Es galt nicht nur, ein Visum zu bekommen, sondern auch einen Sprachkurs für das Niveau A2 zu absolvieren. Im Mai 2023 stieg Khan ins Flugzeug nach Frankfurt am Main. Schon am Flughafen warteten Kollegen, die ihn danach bei allen Alltagsfragen unterstützten. Wie ist es, von einer Metropole mit fast 33 Millionen Einwohnern in eine Stadt mit gut 40.000 Einwohnern am Rand des Pfälzerwalds zu wechseln? „Die ersten drei Monate waren sehr aufregend“, erinnert sich Khan. Mit zwei indischen Kollegen bezog er eine DreierP E R S O N A L E N T W I C K L E R N I C O L A S V E I T H V O N P R O F I N E E R K L Ä R T , W A R U M A U S L Ä N D I S C H E F A C H K R Ä F T E U N V E R Z I C H T B A R S I N D U N D W E L C H E H E R A U S F O R D E R U N G E N E S G I B T „Riesiger Bedarf an Personal“ Wie viele Fachkräfte haben Sie aus demAusland nach Pirmasens geholt? Im Sommer 2022 sind erstmals drei junge Menschen aus Tunesien zu uns gekommen. Sie machen eine Ausbildung zum Elektroniker. Im Jahr darauf kamen zehn Fachkräfte aus unserem Werk in Indien und drei Auszubildende für den Beruf des Kunststoff- und Kautschuktechnologen aus Marokko hinzu. Und es werden weitere Menschen folgen. Warum ist es wichtig, ausländische Fachkräfte zu gewinnen? Die Generation der Babyboomer geht in den nächsten Jahren in Rente, dadurch verlieren wir massiv Personal. Hierzulande gibt es viel zu wenig Nachwuchs, gerade auch für die Schichtarbeit. Wir brauchen allein 50 Azubis jedes Jahr. Wie läuft der Prozess ab? In Indien zum Beispiel stellen wir die Fachkräfte an unserem dortigen Standort ein. Sie werden für ihre neuen Aufgaben qualifiziert und machen einen Deutschkurs. Dann kommen sie nach Pirmasens. Wie geht es nach der Ankunft weiter? Wir holen die Kollegen am Flughafen ab, unterstützen sie im Alltag und betreuen sie engmaschig. Wir haben ein Wohnhaus in Pirmasens renoviert, in dem sie in drei WGs leben. Neuerdings setzen wir einen Werkstudenten für die Integrationshilfe ein. Er ist der Ansprechpartner für die Probleme des täglichen Lebens. Zu ihm kann man mit allen Fragen von den Rundfunkgebühren bis zum neuen Handyvertrag kommen. Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben, damit die neuen Kollegen möglichst unabhängig leben können. Welches Fazit ziehen Sie bislang? Es ist definitiv ein enormer Aufwand. Für die einzelnen Abteilungen kann es herausfordernd sein. Wir wollen künftig mit interkulturellen Schulungen unterstützen. Auch ein schneller Aufstieg, den sich einige wünschen, ist oft nicht möglich, weil es noch an Deutschkenntnissen mangelt. Aber wir sind froh, dass die Kollegen die Mühen auf sich nehmen, und wir werden diesen Weg definitiv fortsetzen. N I C O L A S V E I T H I N T E R V I E W 8 W I R U N D D I E W E L T

WG in einem Haus, das zu einer ehemaligen Schuhfabrik gehört und von Peter Mrosik, dem Chef und Inhaber von profine, erworben wurde. Sie erkundeten die Gegend, lernten den Weg zum Betrieb und in die Stadt per Bus kennen, machten sich mit ihrem neuen Arbeitsumfeld vertraut und unternahmen an den Wochenenden gemeinsam Ausflüge. Sein Arbeitstag geht in der Regel von 7 bis 16 Uhr. Er demontiert Werkzeuge, arbeitet sie nach, repariert und optimiert sie. Er kümmert sich auch um neue Werkzeuge. Manchmal kommt das Heimweh „Es ist toll, wie sehr profine mich von Beginn an unterstützt hat“, sagt Khan. Mehrere indische Freunde von ihm arbeiteten in Deutschland bei anderen Unternehmen, etwa in Berlin und Kaiserslautern. Sie hätten berichtet, dass die Unterstützung durch den Arbeitgeber bei ihnen deutlich geringer ausfiel. „Ich musste mir um nichts Sorgen machen.“ Doch nach der ersten Euphorie kam das Heimweh. Khans Familie ist noch in Indien. Sein zweites Kind kam zur Welt, als er bereits umgezogen war. Zwar konnte er danach mehrere Wochen in der Heimat verbringen. Doch wenn er arbeitet, beschränkt sich der Kontakt auf die täglichen Videotelefonate nach Feierabend. Khan wünscht sich, dass die Familie so schnell wie möglich nachkommen kann nach Pirmasens. „Das ist aber nicht so einfach“, sagt er. Seine Frau ist Ärztin. Um hier arbeiten zu können, müsse sie besonders gut Deutsch lernen. Khan selbst spricht im Alltag meist Englisch und nimmt weiterhin an einem Sprachkurs teil, den sein Arbeitgeber organisiert. 1,5 Stunden pro Woche lernen er und seine indischen Kollegen nach Feierabend mit einer Lehrerin der Volkshochschule, um das Sprachniveau B1 zu erreichen. Zusätzlich übt er mit einer App und trifft sich mit deutschen Freunden. „Ich will die Sprache unbedingt schnell lernen“, sagt er. Wichtig ist ihm aber auch, für sich ein Stück Indien in der Pfalz zu bewahren. Seine Mitbewohner und er unterhalten sich zu Hause auf Hindi, kochen indische Gerichte, trinken indischen Tee und schauen Filme aus der Heimat. Die Unterschiede zwischen seiner alten und seiner neuen Heimat seien riesig. „Pirmasens ist so ruhig und friedlich“, sagt Khan. In Indien sei der Kontakt zu den Nachbarn viel enger. „Wenn die eine Familie etwas kocht, gibt sie der anderen nebenan etwas ab“, erklärt er. Häufig würden Feste gefeiert, und man kümmere sich umeinander. Ob er das vermisst? „Nein“, sagt er lächelnd, „und ich habe ja meine Mitbewohner.“ Und bald, so hofft Khan, auch seine Familie. M U S H A R R A F K H A N „Die ersten drei Monate waren sehr aufregend. Es ist toll, wie sehr profine mich von Beginn an unterstützt hat“ Über profine Die profine-Gruppe mit Hauptsitz in Pirmasens fertigt Kunststoffprofile für Fenster, Türen, Sichtschutz-Systeme und PVC-Platten und liefert diese in mehr als 100 Länder. Das Unternehmen beschäftigt rund 3400 Mitarbeiter an 29 Standorten in 23 Ländern. Seinen Ursprung hat profine im Unternehmen Kömmerling, das 1897 von Karl Kömmerling in Pirmasens gegründet wurde. 1954 stellte die Firma das erste in Serie gefertigte Kunststofffenster her. 9 z w e i 2 0 2 4 G E S I C H T E R D E R C H E M I E

Freepik/www.f laticon.com Freepik/www.flaticon.com Freepik/www.f laticon.com Erfindungen für jeden Tag T E X T E L K E B I E B E R Einige Innovationen sind im täglichen Leben unverzichtbar geworden – und eng mit Rheinland-Pfalz verknüpft. Sechs Erfindungen, die ursprünglich auf Menschen aus der Region zurückgehen Der Zollstock Zahnpasta gegen Karies Der moderne Buchdruck Die Unternehmerbrüder Franz (1830–1891) und Anton Ullrich (1825–1895) aus Maikammer erfanden 1886 den Zollstock. Sie meldeten den „Gelenkmaßstab mit Federsperre“ als Patent an. Drei Jahre später war er auf der Weltausstellung in Paris zu sehen. Das Messgerät war so gut durchdacht, dass es bis heute weltweit keine Verbesserung brauchte. Die imWesterwald aufgewachsene Apothekerin Hertha Hafer (1913–2007) forschte von 1945 bis 1949 an der Universität Marburg zu Karies. Sie entwickelte eine Zahnpasta-Rezeptur für eine bessere Kariesprophylaxe und verkaufte sie an das Mainzer Unternehmen Blendax. Das Produkt Blend-a-med kam 1951 auf den Markt. Im Unterschied zur ersten modernen Zahnpasta, Chlorodont von 1907, bewährt es sich bis heute. Hertha Hafer war an der Einreichung weiterer Patente beteiligt. Johannes Gutenberg (1400–1460), Sohn einer Mainzer Patrizierfamilie, hatte jahrelang an seiner Erfindung gearbeitet. 1452 präsentierte er das Ergebnis: eine gedruckte Bibel mit 1.282 Seiten, Auflage: 180 Stück. Er entwickelte alles Nötige für den maschinellen Druck, vom Handgießinstrument für die einzelnen Metalllettern über den Setzkasten bis zur Druckerpresse und Druckfarbe. Der für die Massenproduktion ungeeignete Holzdruck war damit passé. Die Verwendung von Metalllettern ist aus Korea übrigens schon seit 1234 belegt. Die dortige Produktionsweise war jedoch ineffizienter und setzte sich nicht international durch. 2 3 1 W I R U N D D I E W E L T 10

Smashicons/www.flaticon.com Freepik/Smashicons/www.f laticon.com Nikita Golubev/www.flaticon.com Das Ceran-Kochfeld Die Heimspielkonsole Der Eierschneider Eigentlich für Weltraumteleskope entwickelt, ist Ceran heute ein Synonym für die Herdplatte. Kochen und braten auf Glaskeramik-Flächen – das ist mit dem außergewöhnlichen Material Ceran des Mainzer Unternehmens Schott möglich. Beständigkeit gegen herunterstürzende Töpfe, Kratzer und Reinigungsmittel sind Vorteile gegenüber anderen Platten. Seit dem Markteintritt 1971 haben sich Glaskeramik-Kochfelder zum Standard in modernen Küchen entwickelt. Sie sind pflegeleicht, günstig und erfordern im Unterschied zu Induktionsherden kein besonderes Kochgeschirr. Ralph Baer (1922–2014) aus Pirmasens schuf Ende der 60er Jahre in den USA den Urtypen aller Videokonsolen, die Brown Box. 1972 kam sie als erste Heimspielkonsole unter dem Namen „Odyssey“ auf den Markt. Das darauf verfügbare Spiel erinnert an das spätere erfolgreiche „Pong“ von Atari. Der Atari-Gründer hatte das Odyssey-Spiel zuvor auf einer Präsentation getestet und dann offenbar kopieren lassen – und landete vor Gericht. Es gab eine außergerichtliche Einigung. Auf Baer gehen 150 Patente zurück. Schon im Alter von 18 Jahren meldete der gelernte technische Konstruktur Willy Abel (1875–1951) aus Dierdorf sein erstes Patent an, und zwar für eine Zahnräderformmaschine. Zu seinen zahlreichen weiteren Erfindungen zählt der Eierschneider aus dem Jahr 1909, damals eine Weltneuheit, die sich millionenfach verkaufte. Auch die Brotschneidemaschine mit rundem Messer und das herzförmige Waffeleisen sind Patente von Willy Abel. 4 5 6 Seit demMarkteintritt 1971 haben sich Glas-­ keramik-Kochfelder zum Standard in modernen Küchen entwickelt Der Eierschneider aus dem Jahr 1909 war damals eine Weltneuheit, die sich millionenfach verkaufte z w e i 2 0 2 4 11 E R F I N D U N G E N A U S D E R R E G I O N

Hidden Champions in Rheinland-Pfalz Auswahl aus Chemie und Pharma AESKU.GROUP (Wendelsheim) Sebapharma (Bad Salzig) Prefere Paraform Werner &Mertz ORGENTEC Diagnostika Speyer & Grund (Mainz) Renolit Trumpler (Worms) Tarkett Holding RASCHIG Almatis Wöllner (Ludwigshafen) Sotin Chemische und technische Produkte (Bad Kreuznach) alwitra (Trier) Chemische Fabrik Budenheim (Budenheim) Chemische Fabrik Dr. Stöcker (Pfaffen-Schwabenheim) RHODIUS Abrasives HEUFT SYSTEMTECHNIK (Burgbrohl) Kömmerling Chemische Fabrik (Pirmasens) Lohmann (Neuwied) LTS Lohmann Therapie-Systeme (Andernach) TechnoCompound Polymer-Chemie (Bad Sobernheim) Quelle: Mittelstandsatlas RLP 12 W I R U N D D I E W E L T Foto: LIGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com

ERF OLGS TRÄGER AUS DE R RE GI ON Heimliche Helden T E X T C H R I S T I N E H A A S Von der Pfalz bis zum Hunsrück gibt es Unternehmen, deren Namen nicht besonders bekannt und die trotzdem weltweit führend in ihrem Markt sind. Für die Region sind solche „Hidden Champions“ unverzichtbar. Doch sie kämpfen mit Problemen Unauffällige Erfolgsträger: 225 Hidden Champions gibt es laut einer Studie in Rheinland-Pfalz über alle Branchen hinweg. Sie stellen Putzmittel her, Kleber für Lkws oder spezielle Chemikalien. Ihre Produkte sind auf der ganzen Welt gefragt. Doch wie sie heißen und dass sie mitten aus Rheinland-Pfalz kommen, wissen viele Menschen nicht. Diese Unternehmen sind Hidden Champions, also so etwas wie heimliche Weltmarktführer – und ihre Bedeutung für die Region ist enorm. „Hidden Champions schaffen Wohlstand von der Eifel bis zur Pfalz“, sagt Jörn Block, Professor für Unternehmensführung am Forschungszentrum Mittelstand der Universität Trier. 225 dieser Unternehmen in Rheinland-Pfalz hat Block im vergangenen Jahr für eine Studie identifiziert. Sie kommen aus allen Wirtschaftszweigen: etwa aus dem Maschinenbau, der Pharmabranche und der Chemieindustrie. Schon eine Vorgängerstudie aus dem Jahr 2021 belegte die große Bedeutung der Hidden Champions: Sie erwirtschafteten demnach gut 20 Prozent der jährlichen Umsätze und stellten knapp 11 Prozent der Arbeitsplätze im rheinland-pfälzischen Mittelstand. Und das auch in ländlichen Regionen, in denen es keine Konzerne gibt. Inzwischen dürften die Zahlen noch höher sein. F O K U S G L O B A L E R F O L G R E I C H 13 z w e i 2 0 2 4

Verantwortlich für Exporterfolg Wann gilt ein Unternehmen als ein mittelständischer Hidden Champion? Erstens muss es in einem seiner Bereiche europäischer Marktführer sein oder in den Top Drei der Welt, und zweitens darf es laut Block nicht mehr als 1 Milliarde Euro Umsatz pro Jahr machen. Er bezeichnet Hidden Champions als „Business to Business“: „Sie beliefern typischerweise andere Unternehmen, also nicht uns als Endkunden. Deshalb sind sie auch so unbekannt.“ Als Beispiel nennt er einen Hersteller von Faltschachteln für Medikamente: „Großunternehmen haben oft sehr spezielle Anforderungen an ein Produkt und brauchen deshalb die Hilfe von Unternehmen, die sich genau auf diese Bedürfnisse spezialisieren. Und das tun Hidden Champions sehr oft.“ Tatsächlich erklärt das auch einen wichtigen Teil des Exporterfolgs der deutschen Wirtschaft, für den sie weltweit bekannt ist. Wenn man sich die großen Firmen in Deutschland anschaue, exportierten diese nicht mehr als die in anderen Ländern auch, sagt Block. Anders sei das aber bei den Hidden Champions, deren Produkte dank ihrer Perfektion, Qualität und Spezialisierung international gefragt seien. „Deutschland ist seit jeher stark in der Ingenieurskunst“, erklärt der Forscher. „Ergänzt wird das auch durch hervorragend ausgebildete Facharbeiter. Somit ist die duale Berufsausbildung eine wichtige Stärke der hiesigen Unternehmen.“ Hidden Champions aus der Chemie In der rheinland-pfälzischen Chemie gibt es gleich mehrere Hidden Champions. „Sie stellen keine Standardchemieprodukte her, sondern hochgradig spezialisierte Produkte für Nischenmärkte, die nicht so leicht kopierbar sind“, erklärt Block. Auf seiner Liste stehen zum Beispiel die Chemische Fabrik Budenheim, der Klebebandhersteller Lohmann aus Neuwied und der Verpackungsspezialist Heuft Systemtechnik aus Burgbrohl (weitere Beispiele: siehe Karte Seite 12). Umgekehrt sind größere Chemie- und Pharmaunternehmen auch Kunden von Hidden Champions aus anderen Branchen: Sie kaufen von ihnen etwa Maschinen oder Verpackungen. Es gibt allerdings auch gar nicht so unbekannte Namen in Blocks Liste. Tesla Automation zum Beispiel, das zum berühmten Konzern von Elon Musk gehört. Gegründet wurde diese Firma allerdings 1983 unter dem Namen Grohmann Engineering in Prüm – mit dem Ziel, innovative Automatisierungslösungen zu entwickeln. „Für uns ist das immer noch ein Hidden Champion, denn das Unternehmen hat seinen Sitz nach wie vor in Prüm und ein ähnliches Kerngeschäft wie früher“, erklärt Block. Erfolgsmodell in Gefahr? Doch das Erfolgsmodell, auf das sich Rheinland-Pfalz und die Bundesrepublik für lange Zeit verlassen konnten, gerät zunehmend unter Druck. Aus dem starken Fokus auf wenige Großkunden können sich gefährliche Abhängigkeiten für Hidden Champions ergeben, wenn große Unternehmen oder ganze Branchen in Schwierigkeiten geraten. Ein Mittel gegen solche Abhängigkeiten kann geografische Diversifizierung sein. Hinzu kommen künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Fachkräftemangel: „Hidden Champions müssen neue Wege gehen und sich, wie der Rest der Wirtschaft auch, transformieren, um ihren Wettbewerbsvorteil zu sichern“, sagt Block. Viele hätten damit schon angefangen. Ein Beispiel: Kommen aus der Region selbst nicht mehr von allein genügend Fachkräfte, müssen die Unternehmen attraktivere Arbeitgeber werden und vor allem flexibler in puncto Arbeitszeit und Arbeitsort. So ziehe man auch Fachkräfte aus anderen Regionen oder aus dem Ausland an. „Viele Hidden ChamJ Ö R N B L O C K , M I T T E L S T A N D S F O R S C H E R „Großunternehmen haben oft sehr spezielle Anforderungen an ein Produkt und brauchen deshalb die Hilfe von Unternehmen, die sich genau auf diese Bedürfnisse spezialisieren“ Foto: Christopher Arnoldi 14 W I R U N D D I E W E L T

pions sind hier Vorreiter und haben Niederlassungen in den Metropolregionen Deutschlands oder im Ausland eröffnet“, erklärt Block. Nicht alles liegt in der Hand der Unternehmen selbst. Die äußeren Bedingungen verschlechtern sich zunehmend. „Neben hohen Arbeitskosten und einer Steuerlast, die international ihresgleichen sucht, belasten nun auch stark gestiegene Energiekosten die Unternehmen“, warnt Tibor Müller, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz. „In Kombination mit der ausufernden Bürokratie führt dies zu einem toxischen Mix für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.“ Es sei deshalb kein Wunder, dass hiesige Unternehmen gerade verstärkt im Ausland investierten. Was muss also passieren, damit sie in Rheinland-Pfalz erfolgreich bleiben? „Unsere Wirtschaft braucht am dringendsten das Zurückführen des bürokratischen Regelungsdickichts auf einen effizienten ordnungspolitischen Rahmen“, sagt IHK-Vertreter Müller. Das sei eine Mammutaufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen werde. „Ein erstes wichtiges Signal wäre aber schon mal ein Belastungsmoratorium auf Bundes- und EUEbene“, so Müller. Das heißt: keine neuen Gesetze und Verordnungen. Auch beim Fachkräftemangel sieht er die Politik in der Pflicht. Die Unternehmen bräuchten „ein bürokratiearmes Fachkräfte-Einwanderungsgesetz sowie eine Sozial- und Beschäftigungspolitik, die Arbeitsleistung wieder belohnt.“ Die Politik muss also aktiv werden, es steht einiges auf dem Spiel. Denn starke Hidden Champions sind essenziell, um den Wohlstand in Rheinland-Pfalz und Deutschland zu sichern. R H E I N L A N D - P F A L Z I S T A N G E W I E S E N A U F R O H S T O F F E U N D G Ü T E R A U S D E M A U S L A N D . E I N Ü B E R B L I C K Waren aus aller Welt Die rheinland-pfälzischen Unternehmen sind mit einer Exportquote von rund 53 Prozent sehr auslandsaktiv (Bundesdurchschnitt: circa 48 Prozent). Zugleich beziehen sie Rohstoffe und Waren aus der ganzen Welt. 9 Prozent aller Importe kommen aus China. Damit stand das Reich der Mitte 2023 auf Platz 1 der Herkunftsländer, gefolgt von Frankreich (8,6 Prozent) und den Niederlanden (8,1). Bei den importierten Rohstoffen rangieren Rohstoffe und Chemiefasern unter den Top 3 (siehe Abb.1). Auch bei Waren mit höheren Verarbeitungsstufen – Halbwaren, Vorprodukte und Enderzeugnisse (siehe Abb. 2) – sind Güter für den Chemie- und Pharmabedarf wichtig. 1. Kfz-Teile 2. Kautschukwaren 3. Pharmazeutische Erzeugnisse 4. Lkws und Spezialfahrzeuge 5. Chemische Erzeugnisse I M P O R T E Abb. 1: Top 5 Importrohstoffe inMillionen Euro* Abb. 2: Top 5 Import-Enderzeugnisse inMilliarden Euro * 1. Steine und Erden 2. Rohkautschuk 3. Chemiefasern, Seidenraupenkokons, Abfälle 4. Rohstoffe für chemische Erzeugnisse 5. Edelsteine *nach Rheinland-Pfalz, 2023; Quelle: Statistisches Landesamt T E X T E L K E B I E B E R rd. 179 rd. 58 rd. 37 rd. 31 rd. 20 rd. 2,2 rd. 1,8 rd. 1,3 rd. 1,3 rd. 1,1 F O K U S G L O B A L E R F O L G R E I C H 15 z w e i 2 0 2 4

Auf die sanfte Tour Seit 40 Jahren versorgt LTS als einer der führenden Hersteller die Welt mit Wirkstoffpflastern. Bald könnte das Unternehmen mit einer neuen Technologie die Art und Weise revolutionieren, wie Medikamente in Zukunft verabreicht werden 16 W I R U N D D I E W E L T

MI T SPE ZI ALWI SS E N WELT WEI T ERF OLGRE I CH T E X T F A B I A N S T E T Z L E R F O T O S L T S Unscheinbar, aber es steckt viel Technologie drin: Ein Pflaster der LTS, das Wirkstoffe durch die Haut transportiert. Manchmal braucht es für bahnbrechende Innovationen jahrzehntealtes Wissen. So war es auch, als in den USA in den 1970er-Jahren eine vielversprechende Idee entstand: Menschen durch Pflaster mit medizinischen Wirkstoffen zu versorgen. Neue Verfahren, sogenannte transdermale Systeme, brachten damit über die Haut Medikamente kontrolliert dosiert über bestimmte Zeiträume in den Blutkreislauf. Davon hörte auch der Spezialist für Klebetechnik Lohmann in Neuwied. Das Unternehmen produzierte damals bereits seit mehr als 130 Jahren Klebebänder, Verbandmaterial und Pflaster. Kurzerhand wurde ein Pharmazeut eingestellt, der ein solches Wirkstoffpflaster entwickeln sollte. Das gelang 1984 und eine eigene Pharmasparte des Klebeherstellers war geboren, heute bekannt als die LTS Lohmann Therapie-Systeme AG. Wettlauf an die Spitze „Viele Unternehmen stürzten sich auf die Entwicklung transdermaler Systeme, darunter auch viele renommierte Pharmaunternehmen“, sagt Mike Schäfers, Chief Commercial Officer (CCO) bei LTS, zu den Anfängen des Unternehmens. „Mal waren es Wettbewerber, mal waren es wir, die Produkte mit neuen Wirkstoffen zuerst auf den Markt brachten.“ Die LTS sei schließlich einer der globalen Marktführer geworden, weil sie ausschließlich als Lohnhersteller agiert. Sie vermarktet also keine eigenen Produkte, sondern stellt sie für andere Pharmafirmen her. „Die Tatsache, dass andere auf uns zukamen und Systeme mit uns zusammen konzipierten und von uns produzieren ließen, verschaffte uns bessere Entwicklungsmöglichkeiten als bei Konkurrenten, die nur für sich produzieren.“ Aus der Pharmasparte wurde bald ein eigenständiges Unternehmen, das mittlerweile gänzlich von der Mutter getrennt ist. Es hat seinen Sitz in Andernach auf der anderen Seite des Rheins, wo LTS seine Pharma-Produktionsstätte errichtet hatte. Heute umfasst dort allein der Herstellungsbereich eine Fläche von 23.000 Quadratmetern – plus Hochlager für über 14.000 Paletten. Gegenüber steht ein imposantes Hauptgebäude für die Verwaltung und die Entwicklungslabore. Produziert werden hier über eine Milliarde Einheiten im Jahr, einerseits Wirkstoffpflaster und anderseits orale Wirkstofffilme. Diese werden unter die Zunge gelegt und führen Therapeutika über die Mundschleimhaut in den Körper. Neben Andernach hat das Unternehmen Innovation der LTS: Winzige Nadeln bringen Substanzen schmerzfrei in die oberen Hautschichten. 17 z w e i 2 0 2 4 F O K U S G L O B A L E R F O L G R E I C H

weltweit drei weitere Produktionsstandorte: zwei in den USA und einen in Israel sowie ein Verkaufsbüro in China. Unkompliziert und schmerzfrei Die erfolgreichsten Produkte der LTS sind Wirkstoffpflaster als Standardtherapie zur Behandlung von Parkinson und Alzheimer. Auch Menschen, die sich das Rauchen mit Nikotinpflastern abgewöhnen oder eine Abhängigkeit von Narkotika überwinden wollen, werden weltweit oft mit LTS-Technologien behandelt. Die Produkte werden auch für die Schmerztherapie sowie Hormontherapien eingesetzt, zum Beispiel gegen Wechseljahr-Beschwerden oder zur Schwangerschaftsverhütung. Wirkstoffe über die Haut zu verabreichen, hat viele Vorteile: Die Behandlung ist nicht schmerzhaft, anders als etwa die Injektion einer Spritze, länger anhaltend, und die Therapeutika wirken meist verträglicher. Besonders für Menschen, die wegen chronischer Beschwerden viele Tabletten einnehmen müssen, sind sie eine unkomplizierte Alternative. Zukunftsfeld Mikronadeln Die LTS hat für die Zukunft aber noch mehr vor. „Der Pharmamarkt ist derzeit in Bewegung und wir müssen uns mitbewegen“, betont Schäfers. Da Biopharmazeutika wichtiger werden, arbeite LTS zunehmend mit Biotechfirmen zusammen. Das Unternehmen möchte sich in der mRNATechnologie engagieren, die mithilfe genetischer Informationen in Ribonukleinsäuremolekülen (RNA) den Körper dazu bringt, Proteine für Abwehrreaktionen des Immunsystems zu produzieren. Diese Technik hat sich mit den Corona-Impfstoffen durchgesetzt und könnte in Zukunft viele weitere Anwendungen ermöglichen. Die transdermalen Systeme und Wirkstofffilme der LTS haben den Nachteil, dass nur Wirkstoffe einer bestimmten Molekülgröße damit verabreicht werden können. Daher eignen sich weder mRNA noch die Biologika der Biotec-Firmen bisher dafür. Aus diesem Grund steckt die LTS wie schon zu Beginn der Unternehmensgeschichte ihr Know-how in eine Innovation: die Mikronadel-Array-Patch-Technologie (MAP). Diese verwendet winzige Nadeln, die auf einem kleinen Pflaster dicht angeordnet sind und nur in die oberen Hautschichten eindringen, was in der Regel schmerzfrei ist. Branchenkenner sehen in der Technik Potenzial, die Art und Weise zu verändern, wie Medikamente und Impfstoffe künftig verabreicht werden. Zwar ist noch kein MAP-Produkt der LTS zugelassen, aber das Unternehmen arbeitet intensiv daran, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Kürzlich bekam die LTS für die Technologie eine Förderung der Bill-und-Melinda-­ Gates-Stiftung. Die Fördergelder sind dazu M I K E S C H Ä F E R S , C H I E F C O M M E R C I A L O F F I C E R B E I L T S „Der Pharmamarkt ist derzeit in Bewegung, und wir müssen uns mitbewegen“ Über die LTS Lohmann Therapie-Systeme AG Das Unternehmen produziert für Pharmafirmen sogenannte transdermale Systeme wie Pflaster, die Wirkstoffe über die Haut transportieren. Daneben stellt es orale Wirkstofffilm-Technologien her, die Arznei über die Mundschleimhaut schnell in den Blutkreislauf bringen. LTS gehört zudem zu den führenden Entwicklern der innovativen Mikronadel-Technologie. Am Hauptsitz in Andernach sind über 1.100 Mitarbeiter beschäftigt. An weiteren Standorten in den USA, China und Israel hat die LTS etwa 500 weitere Mitarbeiter. Hauptsitz der LTS in Andernach mit Entwicklungslaboren: Dahinter erstreckt sich ein riesiges Produktionsgelände. 18 W I R U N D D I E W E L T

bestimmt, Frauen in Entwicklungsländern den Zugang zu einer einfachen und diskreten Verhütungsmethode mit MAPPflastern zu ermöglichen und die hohe Sterblichkeitsquote bei Abtreibungen zu verringern. Damit kann ein wesentlicher Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit in diesen Ländern geleistet werden. „Die Kooperation ist für uns ein Meilenstein“, so Schäfers. Trotz des Wachstums im Ausland bekennt sich die LTS zum Standort in Andernach. Dafür steht unter anderem der Neubau des Technikums, das ab 2025 hier die Entwicklungskapazitäten erweitert. Sei es die Rheinschiene, die Nähe zu Ballungsräumen wie Köln, Bonn und Koblenz mit ihrem großen Fachkräftepotenzial oder die hohe Lebensqualität im Rheintal: „Andernach hat für uns weiterhin seinen Reiz und Charme“, betont Schäfers. W O R A U F K O M M T E S B E I D E N L I E F E R K E T T E N E I N E S G L O B A L A G I E R E N D E N U N T E R N E H M E N S A N ? D A S E R K L Ä R T H E I K E S C H Ü L E R , L E I T E R I N D E S K U N D E N S E R V I C E S B E I L T S „Zollerleichterungen helfen uns sehr“ LTS hat Standorte auf fast allen Kontinenten und Kunden in aller Welt. In wie viele Länder werden Ihre Produkte denn versendet? Wir verschicken potenziell in die ganze Welt, je nachdem wo der Kunde sitzt beziehungsweise wo die Ware erwartet wird. Dabei kann es sich um direkte Exporte an Handelspartner oder den Aufbau von Zentrallagern handeln. Entscheidend ist eine zuverlässige Lieferkette. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Produkte rechtzeitig und in der geforderten Qualität an ihren Zielort gelangen. Globale Lieferketten müssen sich dabei flexibel zeigen, um etwa auf geopolitische Ereignisse zu reagieren. Bei so vielen Ländern mit unterschiedlichen Zollbestimmungen ist das sicher nicht unkompliziert. Worauf kommt es dabei an? Als Hersteller und Verpacker von pharmazeutischen Produkten halten wir strikte Qualitätsstandards ein. Die EU gibt dabei Leitfäden vor: für die Beschaffung, Lagerung, Lieferung, aber auch für die Ausfuhr, die „Good Distribution Practice“, kurz GDP. Die LTS verfügt so über einige sogenannte zollrechtliche Bewilligungen, die die Abfertigung von Im- und Exporten erleichtern und beschleunigen können. Wir sind vertraut mit den jeweiligen Zollvorschriften- und verfahren, Zolltarifen, Ein- und Ausfuhrbeschränkungen, Steuern und Abgaben sowie den entsprechenden Dokumentationsanforderungen. Angesichts der sich ständig ändernden Zollvorschriften ist es wichtig, dass Mitarbeiter darin regelmäßig geschult werden, um Zollprozesse prüfen zu können. Und über die EU hinaus? Als LTS müssen wir global denken. Dabei ist das Außenwirtschaftsrecht von besonderer Bedeutung: Internationale Sanktionslisten, Boykottlisten, Länderembargos, Dual-Use-Güter-Listen und Exportkontrollgesetze erfordern von uns ständig umfassende Prüfungen, um den internationalen Warenverkehr abzufertigen. Hilfreich sind dabei die Handelsabkommen zwischen der EU und anderen Ländern, die für viele Produkte Sonderkonditionen und Zollbefreiungen festlegen. Durch sogenanntes Warenursprungs- und Präferenzmanagement können wir dadurch unseren Kunden finanzielle Vorteile bieten. Dahingehend ist „Made in Germany“ nach wie vor ein starkes Markenzeichen. Wie viele Personen beschäftigen sich in Andernach mit diesen weltweiten Logistikprozessen? In der Zollabwicklung sind das zwei Personen, in der Logistik insgesamt 28. In Andernach schicken wir etwa 70 Prozent der Waren nach Europa. Die weiteren Standorte der LTS produzieren und versenden jedoch mit eigenem Personal. I N T E R V I E W Über eine Milliarde Einheiten produziert die LTS im Jahr: Im Lager in Andernach startet ihre Reise in die ganze Welt. H E I K E S C H Ü L E R 19 z w e i 2 0 2 4 F O K U S G L O B A L E R F O L G R E I C H

Im Kampf gegen den Abstieg T E X T H A N S J O A C H I M W O L T E R 20 W I R U N D D I E W E L T Foto: Paola – stock.adobe.com

Hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie und die lahmende Konjunktur belasten die Chemie hierzulande enorm. Wichtige Anlagen stehen vor dem Aus. Viele Unternehmen wollen mehr im Ausland investieren. Was wird aus dem Chemiestandort Deutschland? Es ist ein schwerer Schlag für den Standort Ludwigshafen: Der Chemiekonzern BASF schließt wichtige Anlagen. Bis 2026 werden eine der beiden Anlagen zur Ammoniak-Produktion und zehn weitere Anlagenkomplexe stillgelegt. Mehrere Hundert Stellen am Standort fallen weg. Weitere Einschnitte sollen folgen. Auch andere Chemieunternehmen drosseln oder schalten Betriebe dauerhaft ab. Um satte 20 Prozent brach die Chemieproduktion 2022 ein und verharrt seitdem im Keller. „Es gibt zwar inzwischen erste Lichtblicke, etwa beim Außenhandel“, sagt Chemieexpertin Anna Wolf vom Ifo-Institut in München. „Aber die chemische Industrie befindet sich in einer neuen Zeitrechnung.“ „Neue Normalität“ nennt es Industrieexperte Eric Heymann von der Denkfabrik Deutsche Bank Research. „Produktionsstätten, die jüngst weggefallen sind, werden voraussichtlich nicht oder nicht mehr im bisherigen Umfang an den Markt zurückkehren.“ Eher noch sei mit weiteren Shutdowns zu rechnen. Ursache ist ein „perfekter Sturm“, analysiert Martin Bastian, Geschäftsführer und Chemieexperte bei der Investmentbank Houlihan Lokey in Frankfurt. „Wir haben eine Konjunktur- und Baustart in China: Rund 10 Milliarden Euro investiert die BASF bis 2030 in ein neues Werk im südchinesischen Zhanjiang. Foto: BASF SE Anteil an den weltweiten Pharma- und Chemieumsätzen in Prozent M Ä R K T E China ist Chemie-Supermacht Stand 2022; Quellen: Chemdata International, VCI USA 25,3 42 11,7 8,1 7,6 3,9 China Deutschland 2003 2003 2003 2022 2022 2022 21 z w e i 2 0 2 4 G L O B A L E M Ä R K T E

Nachfrageschwäche, die Kriege in der Ukraine und im Gaza-Streifen, die Inflation und eine schwächelnde chinesische Wirtschaft. Das war so in der Form mit so vielen negativen Einflüssen noch nicht da.“ USA: Deutlich günstigere Energie Dann ist da der Umbruch in der Gasversorgung. „Vor der Krise verbrauchte die Branche fünfmal so viel Gas wie ganz Dänemark“, berichtet Deutsche-Bank-­ Experte Heymann. Billiges russisches Pipeline-Erdgas, jahrelang der Garant für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie, fiel plötzlich durch den russischen Lieferstopp und die Sprengung der Ostsee-Pipelines aus. Nun kommt der Energieträger und Rohstoff aus Norwegen, den Niederlanden, Belgien sowie per Tanker aus Übersee, ist knapper und teurer. „Der Preisunterschied zwischen Europa beziehungsweise Deutschland und den USA bei Gas ist riesig“, erklärt Heymann. Aktuell liegen die Großhandelspreise in den USA bei nur 6 Dollar je Megawattstunde und in Europa bei 27 Euro. Kurz: „Gas ist hier vier- bis fünfmal so teuer wie in Amerika.“ Auch Strom wurde dadurch teurer. Die Preisnachteile stecken die Chemieunternehmen nicht so einfach weg: Einige Produktionsstätten hierzulande sind einfach nicht mehr profitabel. Besonders trifft es die für Massenprodukte, Kunst- und Schaumstoffe, Kautschuk oder Ammoniak. „Solche Standardprodukte kann man überall auf der Welt herstellen“, erklärt Ifo-Expertin Wolf. „Das kaufen Kunden bei dem, der am preiswertesten produziert.“ Hinzu kommt die überbordende Bürokratie, zum Beispiel bei Schwertransporten oder Anlagengenehmigungen. 442 konkrete Entlastungsvorschläge machten Branchenverbände – nur elf fanden Eingang ins neue Bürokratieentlastungsgesetz. 15.000 Seiten Regulierungsvorschriften aus Brüssel müssen Betriebe beachten. Und neue wie das Lieferkettengesetz oder die Richtlinie für Industrieemissionen kommen hinzu. Das bedeutet Mehraufwand und geht mit Kosten einher. Referenzpreise der Handelspunkte in Euro je Megawattstunde Erzeugung in Deutschland pro Quartal; Index 2015 = 100 K O S T E N P R O D U K T I O N Gaspreise in Europa viel höher als in den USA Einbruch bei der Chemieindustrie 0 50 100 150 200 250 300 Januar 2021 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 Januar 2022 Januar 2023 Januar 2024 März 2024 Juli 2021 Juli 2022 Juli 2023 Quellen: Weltbank, VCI Quellen: Statistisches Bundesamt, VCI Europa USA 110 100 70 80 90 22 W I R U N D D I E W E L T

M E I N U N G Foto: RENOLIT SE Verschiebung auf weltweiten Chemiemärkten Unternehmen wägen in diesem Umfeld genau ab, ob sie in Deutschland investieren – oder anderswo. Laut einer Mitgliederumfrage des Branchenverbands VCI wollen 44 Prozent der Firmen dieses Jahr mehr im Ausland investieren als im letzten Jahr. Der Chemiekonzern Lanxess etwa nimmt Nordamerika in den Blick. Die BASF erwägt den Bau einer Ammoniakanlage in den USA und steckt bis Ende des Jahrzehnts 10 Milliarden Euro in einen großen Verbundstandort in China. Die Gewichte auf den weltweiten Chemiemärkten dürften sich weiter verschieben. Anfang des Jahrhunderts waren noch die USA die Nummer eins. „Heute ist China der größte und einer der wichtigsten Märkte für Chemikalien“, sagt Geschäftsführer Bastian von Houlihan Lokey. Deutschlands Anteil am globalen Geschäft hat sich nahezu halbiert. Das wirkt sich auch auf die Unternehmen in Rheinland-Pfalz aus. Sowohl in Nordamerika als auch in Asien hat der Kunststoffverarbeiter RENOLIT in Worms in den zurückliegenden zehn Jahren sein Geschäft ausgebaut. Das Unternehmen sei dort insgesamt um 35 Prozent gewachsen, sagt der Vorstandsvorsitzende Michael Kundel. „Beide Regionen haben heute zusammen einen Anteil von 28 Prozent am Gesamtumsatz der Gruppe.“ In jüngster Zeit hat RENOLIT sowohl in Nordamerika und Asien als auch in Europa „im zweistelligen Millionenbereich“ investiert. Der Plexiglas-Hersteller Röhm hat ein Innovationszentrum in den USA errichtet, aber auch ein neues in Worms. Was braucht es, damit der Standort Deutschland attraktiv bleibt? Neuer Schwung muss her, mahnt VCIPräsident Markus Steilemann: „Wir brauchen jetzt eine Wachstumsagenda für Deutschland!“ Der Verband fordert: Strompreise konkurrenzfähig machen, Turbo beim Bürokratieabbau einlegen, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in den Fokus nehmen und Unternehmensteuern senken. Wenn das gelingt, so die Hoffnung, könnten die Betriebe wieder ihre Stärke zeigen. A N N A W O L F , C H E M I E E X P E R T I N I F O - I N S T I T U T V O N M I C H A E L K U N D E L , V O R S T A N D S V O R S I T Z E N D E R D E R R E N O L I T S E I N W O R M S „Standardprodukte kann man überall auf der Welt herstellen. Die kaufen Kunden bei dem, der am preiswertesten produziert“ Wir brauchenMut und Tempo Der Standort Deutschland steht unter Druck. Teure Energie, lahme Konjunktur, Inflation und hohe Zinsen bremsen den Industriemotor. In dieser Situation brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Denn langwierige Genehmigungsverfahren, die ausstehende Digitalisierung der Verwaltung und zu viel Bürokratie bremsen Betriebe massiv. Ein starkes Unternehmen wie RENOLIT kann damit umgehen, viele kleinere Firmen oder Start-ups nicht. Unternehmensgründungen gehen zurück, Investitionen fließen zunehmend ins Ausland. Das gefährdet unseren Wohlstand. Wir müssen schneller werden. Wenn die Genehmigung für eine Hallenerweiterung hierzulande länger braucht als in anderen Ländern der Neubau einer kompletten Fabrik, läuft etwas gewaltig schief. Zudem brauchen wir verlässliche Regeln und keine weitere Verschärfung im Chemikalien- und Umweltrecht der EU. Das gibt schon jetzt die weltweit höchsten Standards vor. Neuem begegnen wir zu oft mit Misstrauen. Gefordert ist jetzt in allen Bereichen eine Kultur des Mutes und der Freude an Innovationen. Attraktive und berechenbare Rahmenbedingungen müssen hinzukommen, nicht zuletzt Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen. M I C H A E L K U N D E L 23 z w e i 2 0 2 4 G L O B A L E M Ä R K T E

11 Sodium 22,989 Na Wozu brauchen wir Natrium? T E X T S A B I N E L A T O R R E Natrium gehört zu den häufigsten Elementen der Erdoberfläche: Es kommt imMeerwasser und in Salzminen vor, aber auch im Gestein. Größter Salzhersteller weltweit ist China mit 53 Millionen Tonnen im Jahr 2023, gefolgt von den USA (42 Millionen Tonnen) und Indien (30 Millionen Tonnen). Den vierten Platz belegt Deutschland mit 15 Millionen Tonnen. Bundesweit arbeiten rund 13.500 Beschäftigte in 14 Kali- und Salzbergwerken sowie sechs Salinen, also Anlagen zur Gewinnung von Speisesalz. In RheinlandPfalz lohnt sich der Abbau nicht, jedoch werben Kurorte mit ihrem hohen Salzgehalt imWasser wie Bad Ems („Emser Salz“), Bad Kreuznach oder Bad Bergzabern. Die Vulkaneifel-Therme in Bad Bertrich (Foto) gehört mit Karlsbad übrigens zu den einzigen staatlich geprüften Glaubersalzthermen in Europa. Solewasser hat eine antibakterielle Wirkung und ist gut für die Haut. Salz in Rheinland-Pfalz und der Welt Steinsalz, Meersalz, Jodsalz: Wer von Salz spricht, meint Natriumchlorid. Für Mensch und Tier ist das Element lebensnotwendig. Die Industrie stellt damit viele Produkte her – von Aluminium bis Zellstoff V E R B I N D U N G Natrium (Na) ist ein weiches, silberweiß schimmerndes Leichtmetall. Alle Menschen kennen dieses Element, jedenfalls in Verbindungen. Denn chemisch betrachtet ist Natriumchlorid, also Kochsalz, das Natriumsalz der Salzsäure (HCl) und hat die Formel NaCl. Es besteht also aus den Elementen Natrium (Na) und Chlor (Cl). Natrium: Es dient unter anderem als Speise-, Vieh- und Industriesalz. V O R K O M M E N 24 W I R U N D D I E W E L T Foto: LAYER-LAB – stock.adobe.com

Foto: SA Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH/Florian Trykowski Foto: SteveK/Wikipedia Natrium dient als Speisesalz, als Viehsalz für die Fütterung, als Streusalz imWinter oder als Industriesalz. 95 Prozent der weltweiten Kochsalzproduktion fließt in industriell hergestellte Grundstoffe für Arznei- und Waschmittel, Farben oder Kernseife – oder in Natrium-Akkus, mit denen bereits Autos in China fahren. Besondere Eigenschaften zeigt flüssiges Salz: Aufgrund seiner guten Wärmeleitfähigkeit steckt es in Flugzeugmotoren oder Kühlkreisläufen von Kernreaktoren. Die Solarthermie nutzt solche ionischen Flüssigkeiten als Wärmespeicher. Ein großer Hersteller solcher „technischen Salze“ ist seit über 100 Jahren der Chemiekonzern BASF: Die Palette reicht von hochreinen Produkten von Aluminiumchlorid (Pigmente, Farbstoffe, Färbemittel) über Ammoniumcarbonat (Shampoo, Schaumstoff) bis hin zu Natriumsulfit (Wasseraufbereitung). Auch Natriumnitrat (Korrosionsschutz, Betonmittel, Solarthermie) wird hier chemisch hergestellt. Gut 100.000 Tonnen des Salzes gingen kürzlich nach Dubai und ermöglichen dort den Betrieb eines riesigen Sonnenwärmekraftwerks. Zudem verwertet eine hochmoderne Chloralkali-Elektrolyse in Ludwigshafen täglich gut 2.500 Tonnen Steinsalz und erzeugt daraus Chlorgas, Wasserstoffgas und Natronlauge. Chlor steckt in 55 Prozent aller chemischen Produkte – vor allem in Kunststoffen. Salz, ein lebenswichtiges Mineral, ist im Körper fest gebunden: Im Schnitt stecken 200 Gramm in Knochen, Blut und Gewebewasser. Den Salzgehalt von 0,9 Prozent schmeckt man in den Tränen. Natriumionen sind sogenannte Universalregulatoren in unserem Körper: Für die Funktion der Nerven und Muskeln sind sie genauso wichtig wie für die Regulierung des Wasserhaushalts und Blutdrucks. Was man ausschwemmt oder ausschwitzt, muss mit der Nahrung wieder aufgenommen werden. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind das rund 5 Gramm Salz pro Tag, ein knapper Teelöffel. Wofür Salz gebraucht wird Im Westerwald gibt es ein ganz besonderes Salz: nämlich die gleichnamige Ortsgemeinde, gut 60 Kilometer von Mainz entfernt. Etwa 900 Menschen leben hier rund um die ehemalige Stiftskirche St. Adelphus. Das Ortswappen zieren vier blaue Quadrate: Sie symbolisieren mit Blick auf den Ortsnamen Salzkristalle. Salzhandel oder -abbau gab es hier aber nicht. Die Gemeinde Salz F U N F A C T S A L Z I M K Ö R P E R E I N S A T Z China USA Indien Deutschland Australien 53 42 30 15 14 Nach weltweiter Produktionsmenge im Jahr 2023 (in Millionen Tonnen) Quelle: US Geological Survey T O P 5 Wichtigste Salzhersteller 25 D A S E L E M E N T z w e i 2 0 2 4

Kommt gut an! T E X T F A B I A N S T E T Z L E R Deutschland ist auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Doch die werden weltweit umworben. Damit sie gerne kommen und auch bleiben, braucht es eine gelebte Willkommenskultur. Beispiele aus der Chemieindustrie in Rheinland-Pfalz zeigen, wie das gelingen kann Illustration: Dariia – stock.adobe.com W I R U N D D I E W E L T 26

... und macht damit einen guten Start in der neuen Heimat wahrscheinlicher. Events und Aktivitäten: Der „International Club“ vernetzt bei Boehringer Ingelheim Mitarbeitende aus dem Ausland … Im Pfälzer Wald wandern, zusammen nach Heidelberg fahren oder sich zum Barbecue treffen – solche Angebote bietet der „Rhine-Neckar Welcome Club“ regelmäßig. Er wurde 2013 auf Initiative der damaligen BASF-Personalvorständin Margret Suckale gegründet. Das Ziel: internationalen Fach- und Führungskräften das Ankommen in der Region erleichtern. Die BASF brachte dafür Firmen in der Region um Ludwigshafen zusammen. „Es ging darum, dass Mitarbeiter, die von ausländischen Standorten nach Deutschland kommen oder aus dem Ausland stammen, sich hier wohlfühlen“, erklärt Dorothee Balke von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar. Sie koordiniert für die beteiligten Firmen die Aktivitäten des Clubs. „Natürlich sollte damit auch eine Fachkräftebindung entstehen.“ Für Unternehmen wird ein solches Bemühen um ausländische Fachkräfte immer wichtiger (siehe Seite 6). Denn Deutschland ist auf Zuwanderer angewiesen. Viele Branchen klagen bereits über einen Mangel an Arbeitskräften. 400.000 zusätzliche Personen braucht es, so heißt es beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, um das Arbeitsangebot konstant zu halten und damit den Wohlstand zu erhalten. Gesetze, die die Zuwanderung erleichtern, etwa das im vergangenen Jahr beschlossene Fachkräfteeinwanderungsgesetz, reichen dafür allein nicht aus. Denn Fachkräfte werden weltweit von vielen Ländern umworben. Bundeskanzler Olaf Scholz forderte deshalb schon einen „Bewusstseinswandel“ im Land: „Nämlich die Einsicht, dass ausländische Fachkräfte nicht nur gebraucht werden, sondern wirklich willkommen sind.“ Dass Deutschland in Sachen Willkommenskultur besser werden muss, zeigt auch Fotos: Boehringer Ingelheim (3) WI L L KOMME NS KULT UR S CHAF F E N 27 z w e i 2 0 2 4 A R B E I T S W E L T

eine Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung Tübingen von 2022. Danach haben zwei von drei hochqualifizierten Fachkräften aus außereuropäischen Ländern Diskriminierungserfahrungen gemacht, ein Drittel davon im Arbeitsleben. Was können Unternehmen also tun, damit Menschen sich hier wohlfühlen und gerne bleiben? Soziales Netzwerk für Neuankömmlinge Beispiele dafür finden sich im Umfeld der Chemieindustrie in Rheinland-Pfalz. Hier laufen bereits seit längerer Zeit erfolgreiche Initiativen, um die Integration ausländischer Fachkräfte erfolgreich zu unterstützen. Wie der Rhine-Neckar Welcome Club. Dieser sei informell organisiert, immer offen für neue Firmen und basiere auf dem ehrenamtlichen Engagement von Menschen in den Unternehmen, sagt IHK-Expertin Balke. Zweimal im Jahr laden teilnehmende Betriebe den Club für Veranstaltungen zu sich ein. Daneben gibt es regelmäßig selbstorganisierte Treffen zum Kennenlernen der Region. Die IHK hat 2015 die Steuerung der internationalen Gruppe von der MRN (Metropolregion Rhein-Neckar) GmbH übernommen. Balke selbst war einige Jahre mit ihrer Familie in den USA und kennt die Situation der Clubteilnehmer gut. „Es ist sehr hilfreich, Menschen aus unterschiedlichen Firmen zu begegnen, die in derselben Lage sind wie man selbst. Man kann Erfahrungen austauschen und sich bei der Ankunft gegenseitig unterstützen.“ Eingespielter „Integrationssupport“ Auch das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim setzt auf ein ähnliches Modell. Es nennt sich „International Club“ und fördert firmenintern mit Aktivitäten das Ankommen und die Vernetzung von Mitarbeitenden aus dem Ausland. „Vier- bis fünfmal im Jahr finden kulturelle Events statt, die den internationalen Clubmitgliedern die Möglichkeit bieten, sich kennenzulernen und etwas über die Geschichte und die Bräuche des Landes zu erfahren“, erklärt Eva Freitag von Boehringer Ingelheim. Besonders geschätzt seien zudem die regelmäßigen „Welcome Partys“. Der Club macht zudem gemeinsame Ausflüge in die Region und reist auch mal weiter weg, etwa zum Wandern ins Allgäu. IHK-Expertin Balke betont, dass internationale Firmen sich schon lange um einen passenden Umgang mit ausländischen Fachkräften kümmern. In der Personalabteilung gebe es oft Ansprechpartner, die etwa bei bürokratischen Angelegenheiten helfen und Deutschkurse organisieren. Auch Eva Freitag berichtet von einem eigenen Team bei Boehringer für den „IntegraD O R O T H E E B A L K E , I H K - E X P E R T I N „Es ist sehr hilfreich, Menschen aus unterschiedlichen Firmen zu begegnen, die in derselben Lage sind wie man selbst“ Foto: IHK RheinNeckar Kennenlern-Event: Zweimal im Jahr laden beteiligte Unternehmen Clubteilnehmer dazu ein. Foto: RNWC Illustration: Dariia – stock.adobe.com W I R U N D D I E W E L T 28

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