WirHier_magazin_2026-01

POLITIK & WIRTSCHAFT China bleibt ein wichtiger Markt: DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier wünscht sich für China-Geschäfte verlässliche Rahmenbedingungen und ein selbstbewusstes Auftreten der EU. Von kritischer Abhängigkeit spricht man, wenn mindestens die Hälfte einer benötigten Warengruppe aus einem einzigen Land stammt. Vor allem die deutsche Chemie- und Pharmabranche ist mit 89 betroffenen Warengruppen von Importen aus China abhängig – mehr als jeder andere Industriezweig. Dies hat das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt. Die Bundesregierung hilft Unternehmen, ihre Lieferketten breiter aufzustellen. Dies ist Teil ihrer De-Risking-Strategie. Wie die Außenhandelsorganisation GTAI berichtet, bauen etliche deutsche Unternehmen ihre Lieferketten innerhalb Chinas aus, um internationale Logistikstörungen abzufedern. Die meisten von ihnen erwägen eine stärkere Kooperation mit chinesischen Partnern, damit ihr dortiges Geschäft gefestigt wird. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier plädiert für ein umsichtiges Risikomanagement und benennt, wie das in der Praxis aussieht. Herr Treier, warum ist ein De-Risking für deutsche Industrieunternehmen mit Blick auf China geboten? Das Interesse der deutschen Wirtschaft an einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit China ist weiterhin hoch – trotz geopolitischer Spannungen. Das zeigen nicht zuletzt die regelmäßigen Geschäftsklimaumfragen der Auslandshandelskammern vor Ort. Gleichzeitig ist klar: Wer langfristig erfolgreich bleiben will, muss Risiken realistisch bewerten und aktiv managen. De-Risking ist dabei kein Rückzug, sondern Ausdruck wirtschaftlicher Vernunft. Deutsche Unternehmen sprechen sich bewusst für ein umfassendes Risikomanagement aus, um die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit China nachhaltig zu stabilisieren. Denn China ist und bleibt ein zentraler Absatz- und Beschaffungsmarkt – und entwickelt sich zunehmend auch zu einem wichtigen Innovations- und Technologiepartner. Gleichzeitig bestehen erhebliche Abhängigkeiten von chinesischen Vorprodukten, etwa bei Halbleitern oder seltenen Erden. Hinzu kommen zunehmende Unsicherheiten durch Industriepolitik, regulatorische Eingriffe und geopolitische Spannungen. De-Risking heißt deshalb: Abhängigkeiten reduzieren, ohne die wirtschaftlichen Chancen aus dem Blick zu verlieren. Welche Maßnahmen haben Unternehmen bereits ergriffen? Viele Unternehmen sind beim De-Risking längst einen guten Schritt vorangekommen. Sie haben ihre Lieferketten überprüft, alternative Bezugsquellen identifiziert und sich etwaige Abhängigkeiten bewusst gemacht. Parallel werden Produktions- und Beschaffungsstrukturen breiter aufgestellt – häufig nicht als Abkehr von China, sondern als Ergänzung. De-Risking bedeutet für viele Unternehmen einen „China plus“-Ansatz, also die Kombination aus Engagement in China und zusätzlicher regionaler Diversifizierung. Was ist noch zu tun – von deutscher, europäischer und chinesischer Seite? Die EU ist gefordert, ihre strategische Autonomie zu stärken – durch eine koordinierte Handelspolitik, technologische Eigenständigkeit und gezielte wirtschaftlich fundierte Gegenstrategien. Investitionen in Forschung und Innovation sowie die Diversifizierung von Lieferketten sind richtig und notwendig, entfalten ihre Wirkung jedoch erst mittelfristig. Kurzfristig braucht es ein geschlossenes, souveränes und selbstbewusstes Auftreten Europas nach außen – auch gegenüber China. Von chinesischer Seite bleibt entscheidend, dass gleiche Wettbewerbsbedingungen für ausländische Unternehmen geschaffen werden. Derzeit sind deutsche Unternehmen in China aufgrund industriepolitischer Vorgaben weiterhin unterschiedlichen Diskriminierungs- und Beschränkungsstufen ausgesetzt. Mehr Marktzugang, Transparenz und Rechtssicherheit wären ein starkes Signal. AUSS E NWI RTS CHAFT Deutsche Industrieunternehmen üben den Spagat zwischen den Chancen, die China bietet, und drohender Abhängigkeit. DIHKAußenwirtschaftschef Volker Treier wägt die Risiken ab Die asiatischen Märkte sind vielfältig und dynamisch China: Partner oder Risiko? T E X T ELKE BIEBER Foto: DIHK I NFO Der südostasiatische Wirtschaftsraum ASEAN wird zu einem immer wichtigeren Absatzmarkt für Chemieprodukte. Damit bietet er attraktive Alter‑ nativen zu China. Zwar ist der Pro‑Kopf‑Verbrauch in der Region noch niedrig. Doch die gute Wirt‑ schaftsentwicklung lässt Branchenkenner für Süd‑ ostasien eine steigende Nachfrage nach Aromaten und Lösungsmitteln aus der Bau- und Kfz-Branche, der Landwirtschaft und der Verpackungsindustrie erwarten. Dies meldet die Außenwirtschaftsorga‑ nisation Germany Trade & Invest. Für deutsche Hersteller eröffnen sich vor allem in Singapur, Thailand und Vietnam lukrative Chancen. Die ASEAN-Region ist zudem einer der dynamischsten Märkte für Körperpflegeprodukte und Kosmetik. Die Gründe: junge, experimen‑ tierfreudige Konsumenten sowie der boomende Onlinehandel. Weitere Informationen über die Nachfrage nach Chemieprodukten in ASEAN hier: 16 e i n s 2 0 2 6 17 STANDORT RHEINLAND-PFALZ DE-RISKING

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